Groteske Fehlwahrnehmung

In der "Neuen Osnabrücker Zeitung" war also ein Artikel des Herrn CDU-Außenpolitikers Rupert Polenz zu lesen. In diesem wirft er den Deutschen, welche bei einer Umfrage meinten, dass die Politik bzw. die Politiker der USA gefährlicher seien, als die des Iran, dass diese Befragten an "grotesker Fehlwahrnehmung" litten. (Quelle: NOZ und N-TV)
Lieber Herr Polenz, auch hier gilt wieder einmal, wer Lesen kann, ist klar im Vorteil. Dort ist nicht die Rede davon, ob man die USA oder den Iran für gefährlich hält, sondern, wen von beiden man als höheres Sicherheitsrisiko für den Weltfrieden einstuft. Und nun überlegen wir mal und schauen die letzten 60 Jahre Weltgeschichte an. Die Gründe für dem japanischen Eintritt in den zweiten Weltkrieg wollen wir mal außer acht lassen, die Diskussion darum wäre einfach zu kontrovers, schon allein wegen des, von den Japanern gewählten Bündnispartners und natürlich der im Krieg gewählten Methoden. Dennoch sei hier angemerkt, dass der Einsatz der ersten beiden Atombomben noch immer mit der Verhinderung von Opfern gerechtfertigt wird. Es stimmt, es starben weniger Soldaten, aber eine ungleich höhere Anzahl Unschuldiger wurde getötet. Dazu als Anmerkung und als Beihilfe zum Verständnis, in Japan gab es zum damaligen Zeitpunkt keine direkte Demokratie. Des Weiteren sind Volksaufstände nicht in 5 Stunden geplant, besonders dann nicht, wenn die ethnische Prägung eine Erhebung gegen einen Gott untersagt. Man sollte seinen Feind schon kennen.

Der Koreakrieg:
Eine offene Einmischung der vereinten Nationen in eine innerstaatliche Angelegenheit, einen Bürgerkrieg, zur Verhinderung eines Völkermords. Es mag berechtigt gewesen sein und viel Glück verhinderte, dass General Mc Arthurs Vorschlag des Einsatzes von Atomwaffen gegen den Norden Koreas keine Zustimmung fand.

Der Vietnamkrieg:
Ein provozierte Krise löst den Übergang von der geheimen - Elitetruppen waren schon fast 5 Jahre in Vietnam stationiert - zur offene Einmischung der vereinigten Staaten aus. Das Ergebnis, die - nicht verhandelten - Kriegsverbrechen beider Seiten und die Opferzahlen sind bekannt.

Der erste Golfkrieg mit direkter amerikanischer Beteiligung:
Kuwait bohrt ein Öllager des Irak an. Der Irak überrennt das Nachbarland. Amerika mischt sich ein. Wir werden Zeugen des Präzisionsbombardements und dürfen dann feststellen, dass so mancher Raketensilo eigentlich ein Lüftungsschacht eines Hochhauses, eines Krankenhauses oder einer Fabrik für Babynahrung war. Weiterhin erfährt der "ungebildete" Ostdeutsche (ich darf das sagen, ich war 1990 noch ein solcher und bin es vielleicht heute noch) nebenbei, dass die CIA (gern als "Geheimdienst" der USA bezeichnet) mitgeholfen hatte, Saddam Hussein an die Macht zu bringen. Jenen Mann, der nun plötzlich Feindbild Nummer 2 ist (auf Platz 1 stand bis vor einigen Jahren - und somit zum damaligen Zeitpunkt - ein Österreicher mit Drang zur Weltmacht).

Der Krieg gegen den Terror:
Bombardierung - oder sollte man es schon Terraforming nennen - Afghanistans. Ziel Ausbildungslager der Al-Quaida. Wieviele getroffen wurden, welche geheimen Verstecke zerstört und warum ganze Berge eingeebnet wurden, wird wohl immer ein Geheimnis der verantwortlichen Generäle bleiben. Das es, im durchaus dünn besiedelten Afghanistan auch zivile Opfer und zwar eine nicht zu verachtende Menge, gab wissen wir mittlerweile jedoch.

Der zweite Golfkrieg oder die nie gesehenen Massenvernichtungswaffen:
"Wir wissen genau, wo sie sind. Im Norden, Süden, Osten, Westen, irgendwo in diesem Gebiet, nahe Falludja und bei Bagdad" (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, dann stammt diese Aussage von Richard Bruce "Dick" Cheney). Die Konsequenz in Opfern beider Seiten zu bemessen ist noch nicht möglich, denn obwohl der Krieg, laut George Walker Bush - mission accomplished speech - vorbei ist, sterben noch immer Menschen im Irak und das ganz sicher nicht an neu gewonnener Freizeit. Ich will nicht leugnen, dass die Entmachtung eines Diktators sein Gutes haben kann. Schließlich lebte ich in einem Land, welche der Diktatur des Proletariats unterworfen war. Nicht das es mir schlecht ging, aber offensichtlich der übrigen, damals erwachseneren Bevölkerung (Notiz: 1989 war ich 14). Doch, der Welt hatten die Vereinigten Staaten von Amerika erklärt, dass sie in den Irak gehen um Massenvernichtungswaffen zu sichern, die, das wisse man mit Sicherheit - Colin Powell, G.W. Busch und Paul Wolfowitz - auf Ziele in Europa und der USA ausgerichtet wären. Eine bewußte Lüge.

Aber gut, das mag für Herrn Polenz noch nicht verdeutlichen, warum man vielleicht, unter Umständen, auf die Idee kommen könnte, dass die USA in den letzten Jahren weltweit mehr Konflikte ausgelöst und sich an diesen beteiligt hat. Es ist auch klar, dass er annimmt, dass sich die Deutschen es in jedem Fall leicht machen und die Vereinigten Staaten als eine Art Satan sehen wollen, doch dann schaut man mal, in wieviele Kriege der Iran verstrickt war.

Golfkrieg, Irak vs. Iran: Ein über zehn Jahre dauernder immer wieder aufflammender, blutiger Konflikt, der Millionen Menschen das Leben kostete. Waffen auf beiden Seiten sind nachweislich aus den USA geliefert worden und ebenso erhielten beide Staaten Finanzhilfe von amerikanischen Regierungen. Wahrscheinlich sollte dies der Erhaltung des "Ungleichgewichts" im arabischen Raum dienen, da so leichter an die natürlichen Ressourcen zu kommen war.

Schauen wir dazu ein wenig in die iranische Geschichte. Bereits 1921 beginnt eine Orientierung des damals noch Persien genannten Königreiches nach Westen. 1951 verstaatlicht der gewählte Präsident, Mohammed Mossadegh, dann jedoch die Ölindustrie, da sich Konzerne, welche die Bodenschätze eines eindeutig nicht als Kolonie zu betrachtenden Gebiets ausbeuten und das Land, welchem dieses Gebiet gehört nicht am Gewinn beteiligen wollen und zwar fair und nicht, wie bis dahin, zu 5% (mit BP). Daraufhin kommt es zu einem weltweiten Boykott des iranischen Öls. 1953 wird Mossadegh im Zuge der Operation Ajax gestürzt und eine Militärregierung eingesetzt. Dies sichert British Petrol das Monopol am iranischen Öl, vorerst.

Im Jahre 1979 jedoch siegt die islamische Revolution im Iran. Ruhollah Musawi Chomeini kehrt aus dem französischen Exil zurück und verkündet die "islamische Republik". Der Einfluss der Amerikaner und Briten ist gebrochen. Der Zorn - so westliche Agenturen - sitzt jedoch noch tief und so ist die Grundstimmung antiwestlich. Seltsam oder nicht, mir bekannte Iraner, welche in Deutschland Aufbaustudien Medizin und Medizintechnik absolvieren, sagen jedoch, dass dies alles nichts als Presseenten sind. Natürlich gibt es immer mal wieder, angestachelt durch diesen oder jenen Prediger hitzigere Diskussionen, aber insgesamt betrachtet haben die Leute im Iran völlig andere Probleme, alltägliche, wie die Menschen in Deutschland auch. Diese Leute haben mir auch einiges über die Fernsehbilder erzählt. So darf eine Frau sich im Iran nur politisch engagieren, wenn ihr Mann dies gestattet. Betrachtet man nun die Bilder der brennenden Fahnen, so sieht man, dass darauf eine fast äquivalente Anzahl Frauen und Männer zu sehen ist. Kurz, die Männer sind dort mit ihren Familien aufgetaucht. Wie sagte ich schon im Falle Japans? Man sollte seinen Feind kennen und verstehen, ihn respektvoll behandeln und sich seinen Gedanken zur Abwechslung auch öffnen.

Und nun die Frage, Herr Polenz, mit all diesen Dingen, die hier kurz aufgelistet wurden, welche sie selber wissen müssen, ansonsten sind sie als Außenpolitiker der CDU untragbar, warum wohl halten viele Deutsche ein Amerika unter einem Mann wie George W. Bush, einer Marionette der Ölkonzerne, der Freunde seines Vaters, eines Lobbyisten der chemischen, wie Automobilindustrie, der einem Staat vorsteht, welcher immer noch die meisten Massenvernichtungswaffen in Besitz hat, für gefährlicher als den Iran? Warum wohl traut man Nachrichten aus den USA nicht mehr? Warum wohl hinterfragt man selbst das gequirlte Geseier deutscher Politiker zweimal? Weil die Menschen einmal zu oft belogen wurden.

Natürlich ist eine fundamentalistisch - islamische Regierung, welche sich den Hass auf alles Westliche auf die Fahnen schreibt, möglicherweise - es gilt nicht als endgültig bewiesen - Terroristen ausbildet und in die Lage kommen könnte Atomwaffen zu bauen, gefährlich. Aber weit gefährlicher ist der Staat, der sie besitzt, der ohne mit der Wimper zu zucken die Welt belügt und unter Angabe falscher Gründe einen Krieg gegen ein Land vom Stapel bricht, das mit der eigentlichen Sache nichts zu tun hatte. Jeder Al-Quaida Experte versicherte G.W.B vor den Angriffen auf den Irak, dass dort keine durch den Staat geförderten Zellen existieren. Wenn es jetzt solche gibt, wundert mich persönlich das überhaupt nicht. Das Land wurde okkupiert, seiner Identität beraubt und der Möglichkeit aus sich selbst heraus dieses, seines Tyrannen ledig zu werden. Und wenn jetzt auch nur einer der Politiker dort behauptet, dass wäre nie geschehen, dann kann man ihnen nur vor die Füsse spucken, da sie nichts gelernt haben. Niemand hat geglaubt, dass die Mauer innerhalb des letzten Jahrhunderts fallen würde, sie tat es. Hier und da ist viel Blut geflossen, aber die Menschen haben es allein geschafft und allein ihren Weg zu ihrer Demokratie gesucht. Eine Demokratie nach westlichem Vorbild kann in diesen Ländern nicht so ohne weiteres funktionieren, selbst die Deutschen hatten ganz schöne Anlaufschwierigkeiten und auch im ach so tollen Amerika werden viele Freiheiten beschnitten, obwohl dort die angeblich beste Demokratie der Welt geschaffen wurde. Auch in Deutschland versucht man nun die Volksbestimmung und das Recht auf Meinungsfreiheit zu beschneiden. Man versucht uns vorzuschreiben, woher wir unsere Informationen beziehen, wie wir uns informieren. Angeblich müssten bestimmte Nachrichten erst in einen Kontext gebracht werden. Was heißt denn das bitte? Ein unterschwelliger Kommentar hier, ein nicht korrekt übersetztes Wort da? Und selbst wenn die Wahrheit noch so hart wäre, die meisten Bürger diese Landes, ja der Welt, könnten sie vertragen, wahrscheinlich aber die Politiker nicht, da dann ihr schönen Kartenreihenhaus zusammenbricht, die Menschen erkennen, dass auch in Deutschland nur die Minderheit des Geldes regiert und Wähler nur alle 4 Jahr zu gebrauchen sind. Ich habe tausende unschuldige Huren gesehen, nur einen wirklich ehrlichen Politiker noch nicht. Obwohl es da einen guten Kandidaten gibt. Wo der herkommt? Aus den USA.

30.3.07 11:40

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen