Auf allen gesellschaftlichen Ebenen

Ach, was muss man von regionalen Politikern hören meist, wie ich zum Beispiel von diesem zu berichten weiß, der da Fritz Hähle heißt.

Herr Hähle ist bei der sächsischen CDU und darf sich dort Fraktionsvorsitzender nennen. Herr Hähle vertritt die Ansicht - und ich hoffe ich verstoße jetzt nicht gegen das UrhG - die im Folgenden kurz dargelegt werden soll:

"Die Verbreitung brutaler Video- und Computerspiele muss effektiv unterbunden werden. Die CDU-Fraktion schlägt dazu geeignete technische Maßnahmen wie beispielsweise elektronische Filter vor. Die Staatsregierung wird aufgefordert, sich im Bundesrat für notwendige Gesetzesänderungen einzusetzen. Der Besitz der so genannten Killer-Spiele muss verboten werden"

(Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/87614/from/atom10)

Weiter sagt er: "Diese Spiele sind primitiv und sprechen gefährliche und niedrigste Instinkte an. Sie sind mit einem effektiven Jugendschutz nicht vereinbar und deshalb auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu bekämpfen"

(Quelle: ebenda)

Es ist ja dem aufmerksamen Leser nicht entgangen, dass ich mich aus persönlicheren Gründen mit den "Killerspielen" befasse. Dazu gehört unter anderem, dass ich mich auf GTA IV freue, lange Zeit CounterStrike gespielt habe und sich mir die Frage stellt, wann bitte endlich Tom & Jerry, Mickey & Goofy oder Donald Duck verboten werden. Als Beispiel und ich vermute die meisten, wenn auch wahrscheinlich nicht der 1942 geborenen Fritz Hähle, kennen Tom & Jerry sicher. Kleine Maus, rotzfrech, ärgert Katze, die tickt aus und will Jerry fangen. Ende vom Lied ist meist eine, für Cartoonfiguren recht schmerzfreie Kollision mit Wänden, Türen, Bügeleisen, dem einen oder anderen Amboß oder auch mal einem Klavier. Tja, warum erzähl ich das? Nun, sagen wir es so, wenn ein Kind ab 6 Jahre differenzieren kann, dass die Katze nicht wirklich draufgeht, dass es selbst besser nicht 6o mal vor die Wand läuft, kurz, dass das ein Trickfilm ist, dann ähm, tja, woran appellieren die Spiele nochmal?

Gut, es gibt da noch das Argument, dass der Spieler ja selbst zum Akteur wird. Überraschung, es gibt auch ein Tom & Jerry Jump'n'Run (für Unkundige so ein Spiel, wo man Hüpft und rennt ). Da ist man dann als Jerry recht aktiv dafür verantwortlich, dass Kater Tom einen Amboß auf den Kopf bekommt oder von einer Dampfmaschine plattgerollt wird. Natürlich unblutig, aber ist es deswegen weniger brutal bzw. setzen sich jetzt Scharen von 6-jährigen (ja, auch das Spiel hat die Freigabe) auf Dampfwalzen und überrollen Katzen? Ja, man könnte sagen, ein Kind kann ja solche ein Gerät nicht steuern. Liebe Leute, eine Maus kann das ganz sicher auch nicht.
Aber gut, kommen wir zu den richtig bösen Spielen zurück, denen mit Waffen, Blut usw. Ich bin ja froh, so als Kabel Digital Kunde, dass ich auf dem History Channel nur ganz selten mal die Geheimzahl eingeben muss, also, diese eingebaute Kindersicherung. SciFi ist da schon drastischer. Da durfte ich das letztens bei einem Film machen, der vor 1o Jahren noch im RTL Nachmittagsprogramm lief. Ich war ein wenig überrascht. Aber gut, in den USA läuft Baywatch ja auch im Abendprogramm.

Sei es drum, die bösen Spiele. Ich weiß nicht, ob man Quake oder Doom heute wieder sagen darf, aber, was kümmerts mich, ich mach ja keine Werbung für, sondern schreibe meine Meinung nieder und DehSternSternEm klingt einfach nicht wirklich gut. Jedenfalls sind mir beide Spiele in mehreren Teile gut bekannt. Sowohl im Netzwerk, als auch im Alleinspielermodus. 1996 erschien wohl der erste Teil der Quake Reihe, Doom 1993 und Wolfenstein 3D, nun, 1992. Lange Rede kurzer Sinn, ich habe Wolfenstein gespielt. Als Import, mit 16 Jahren. Dazu muss ich sagen, dass mein erstes Spiel - gekauft im November 1990 - F29 - Retaliator war, ein Flugsimulator, nicht besonders tolle Grafik - vom heutigen Standpunkt aus betrachtet -, aber doch zahlreiche Stunden Spielspaß und ja, auch virtuelle Kollaterallschäden (welche in diesem Spiel übrigens eine negative Bewertung einbrachten, man glaubt es nicht). Das schockierte Gesicht meiner Mutter, auf meinen Kommentare "ach, das bisschen Zivilbevölkerung", bewog mich dazu ihr nichts von Wolfenstein oder Doom, Rise of the Triads oder Quake zu erzählen. Vielleicht war es einfach besser für ihr Seelenheil nicht zu wissen, was ihr 1976 in der DDR geborener Sohn da so spielte. Fakt ist jedoch, dass dieser Sohn auch Bekannte und Freunde hat, reale solche, ich hielt mit 16 Jahren dann nicht mehr so viel davon ausschließlich vor dem Rechner zu hocken und sah mir ein wenig die Welt und die darin befindlichen andere Dinge an.

Egal, wir wollen ja woanders hin. Ich hab also jetzt gute 16 Jahre Erfahrung mit "Killerspielen". Und jetzt die Überraschung, ich hab mich noch nicht einmal in meinem Leben mit irgendjemandem geprügelt, ich hatte nie Gewaltfantasien und ich habe mir auch nie gewünscht, dass irgendwer tot umfallen möge, nur weil er mir auf den Zeiger ging.

Dies führt zu dem Punkt, dass ich entweder ein beneidenswerter Einzelfall bin, oder aber, dass sich Leute, wie Herr Fritz Hähle mal mit Fakten auseinandersetzen sollten.

Fakt ist, dass in meinem gesamten Bekanntenkreis (der sich dank Uni, Band etc. sehr weiträumig ausdehnt) noch nicht ein Computerspieler Amok gelaufen ist. Einige waren mal in Schlägereien verwickelt, aber, das waren viele andere Menschen vor uns, in Zeiten ohne Computern, auch. Ich erinnere da an Saalschlachten, welche angeblich politische Motivation hatten, diverse Dorfrivalitäten, die einmal im Jahr bei einem Markt in einer handfesten und oftmals blutigen Prügelei ausarten usw. Weiterhin hab ich immer mal ein Auge auf Verkaufszahlen und geschätzte Dunkelziffern der vermutlich nicht legal verbreiteten Kopien. Auch von diesen Leuten, mal vier Millionen, mal zwei, mal eine, mal acht Millionen, ist bisher nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz jemals durchgedreht. Oder anders, wann wurde das Hören von Wagner Opern verboten und welche Spiele hat man bei Saddam Hussein oder Pol Pot gefunden?

Und jetzt kommen wir zu einem interessanten Fakt. Rockstar North (die Entwickler von GTA, Midnight Club und Bully) haben öffentlich geäussert, dass ihre Spiele sich an realen Begebenheiten orientieren. Wenn also Gewalt in Spielen dargestellt wird, dann könnte es sein, dass diese Abbild und nicht Vorbild der realen Welt sind? Wäre es möglich, dass ein Spiel, in welchem Aliierte gegen Achsenmächte antreten, seinen Ursprung vielleicht einfach in der Geschichte hat und nichts anderes ist, als eine virtuelle Version von Räuber und Gendarme? Ist es vielleicht so, dass Kinder schon 1982 Holzstöckchen in die Hand nahmen und "peng peng" riefen? Ist es nicht vielleicht so, dass Kinder 1912 mit Marineuniformen rumliefen, weil es ein Trend war und sich mit selbstgebauten Schwertern schlugen, weil sie die reale Welt nachahmten? Ist es nicht vielleicht so, das Spiele ein Bedürfnis befriedigen? Das Bedürfnis fremde (oder eigene) Welten zu retten? Ist es nicht vielleicht so, dass all unsere Geschichten von Helden handeln, die Krieg führen? Auch wenn Frodo und Sam nur mit dem Ring zum Schicksalsberg tigern, der Rest kämpft in einem Krieg. General Gneisnaus Geschichte vom Gänsejungen zum Helden der Deutschen im Krieg gegen Napoleons Armeen. Vercingetorix, der große Gallier, ein Krieger, ein Mörder, ebenso Armin der Cherusker. Und wir alle wollten Helden sein, als Kinder und manche mögen es noch als Erwachsene. Vielleicht ist es ja so, dass Killerspiele überhaupt keine Killerspiele sind, dass der Name ein Symbol ist, etwas verschärfen soll, was nicht so ist und über das eigentliche Problem hinwegtäuscht.

Aber was ist denn dann bitte das eigentliche Problem? Alltagsleere bei Jugendlichen, Enttäuschung und Frustration, Einsamkeit und Isolation, nicht mehr zu bewältigende Schulpensen. Kanalisiert wird dies oft in Gewalt, denn Wut staut sich an und es gibt oft nur einen Weg, den Zorn, Hass und Verzweiflung nehmen können. Ein Ausbruch. Einmal erlebt, weiß man, wie herrlich befriedigend das ist und man sucht diesen Kick wieder. Adrenalin durchströmt den Körper, Macht über den Schwächeren, man glaubt die Befreiung aus der eigenen Ohnmacht zu spüren und das will man allen zeigen, deshalb wird es gefilmt. Man selbst will Respekt und am leichtesten ist dieser so verdient. Falscher Respekt, sicherlich, aber wenn dir alle zu Füssen liegen, dann denkst du nicht mehr darüber nach. Jeder wird dein Feind, Reden geht nicht mehr. Das hat man nicht durch Computerspiele gelernt, die braucht man dazu nicht. Das alles wohnt in uns und wird nie zu bezwingen sein, das ist das Tier im Menschen. Man kann lernen es zu kontrollieren, doch dafür brauchen Menschen Anleitung, einen Inhalt. Schule bietet diesen Inhalt nicht, Computerspiele bedingt. Sie sind eine Bedrohung, aber nicht in dem sie die Kinder zu Gewalt erziehen, sondern ihnen eine Realitätsflucht ermöglichen, eine alternative Identität aufbauen lassen, eine, in der sie mächtig sind und etwas wert. Und das Herr Fritz Hähle hat ihre Partei mitzuverantworten, durch die Zerrüttung des Bildungssystems, durch die Schließung von kleineren Jugendeinrichtungen, durch mangelnde Förderung von Vereinen, Künstlergruppen etc. Das Einzige, was ihr Verbot sogenannter Killerspiele darstellt, ist Augenwischerei bei fehlinformierten Wählern und Bürgern, bei jenen die zu bequem zum Denken sind bzw. die aufgrund mangelnder bzw. falscher Informationen die richtigen Erkenntnisse nicht ziehen können. Eine Hexenverbrennung um für eine Weile für Ruhe zu sorgen, von den wirklichen Problemen und der eigenen parteilichen Inkompetenz abzulenken. Keine Angst, wir vergessen den Entwurf des "Baum-Ab-Gesetzes" auch dann nicht, wenn sie jetzt sinnfreie Ablenkungsmanöver starten. Wir können froh sein, dass sich nicht alle Zeitungen kaufen lassen und Meinungen drucken, anstatt objektiv und unabhängig zu berichten.

Ach und falls es Ihnen, Herr Hähle, entgangen sein sollte, Niemand fliegt nach tausend Stunden an einem Flugsimulator, auch auf dem besten Heimcomputer ein Flugzeug mit 7oo oder auch nur mit 35o Stundenkilometern in ein 6o Meter breites Ziel. Niemand lernt den Umgang mit Waffen durch ein Computerspiel. Vorallem aber sind Waffen, die ich in einem Spiel erwerbe nicht real anwendbar, nicht einmal mit dem besten Drucker kommt dabei mehr raus als ein ungefährliches Bild.

Wenn sie, Herr Hähle, schon etwas bekämpfen wollen, dann lassen sie es die globale Erwärmung sein. Stimmen sie gegen das "Paragraphen-Pranger-Gesetz" mittels dessen die sächsische Landesregierung die Gemeinden zwingen will die Baumschutzsatzung abzuschaffen. Stellen Sie sich gegen die Pläne der Telekom 7ooo Menschen im großen Stil um ihren Lohn zu betrügen, trotz Gewinnzunahme. Machen Sie sich selbst nicht zu einer Marionette der Industrie, welche steif und fest behauptet durch illegale Downloads Gewinneinbußen zu haben, nur weil sie ihre prognostizierten 12o % Gewinnzuwachs nicht erreichen.
Ihre Partei nennt sich Volkspartei? Dann arbeiten Sie auch endlich wieder für das Volk, bekämpfen sie Lobbyismus, wo Sie ihn finden, denn das ist nur Korruption mit anderem, freundlicherem Namen. Tun Sie etwas konstruktives gegen die Ausbreitung der sogenannten "national befreiten Zonen" in der sächsischen Schweiz. Helfen Sie Kindern und Jugendlichen eine Zukunft zu finden, fördern Sie deren Interessen, schaffen Sie Ziele und tragen Sie dazu bei, dass der Mut wächst diese auch erreichen zu wollen. Ermuntern Sie Jugendliche zum freien Denken, verhindern Sie, dass braune Kinderfänger die jungen Köpfe mit menschenverachtenden Ideen verkleistern. Reden Sie nicht nur mit ihnen, sagen Sie ihnen etwas und wenn Sie nichts zu sagen haben, dann hören Sie zur Abwechslung einfach mal zu, wenn es schon sonst Niemand mehr versucht. Sie müssen keine Antworten liefern, Sie müssen nicht allwissend erscheinen, Sie müssen als Mensch auftreten.

Sie, Herr Hähle, sind in einer Position in welcher Sie durchaus Veränderungen herbeiführen können, aber nicht solche, die keinerlei Nutzen tragen, sondern nur Kosten verursachen wird, die Entwicklung der Medienlandschaft behindert, und im Endeffekt einen Kampf darstellt, welchen eine Regierung nicht gewinnen kann und hierbei sei an die Prohibition in den USA erinnert oder an Verbote von Pornographie. Es wird immer Mittel, Wege und Leute geben, um eine Regelung, wie z.B. das Verbot von Killerspielen zu umgehen. In diesem Fall gäben Sie Jugendlichen sogar noch einen Anreiz und sorgten dafür, dass garantiert jeder verbotene Titel in unvorstellbaren Stückzahlen getauscht würde. Die Leute haben Doom (wurde von der BPjS indiziert) und Quake (wurde von der BPjS indiziert) gespielt und sie laßen sich auch nicht vom Bezug und Spiel kommender Titel abhalten.

Des Weiteren sollte erst einmal geklärt werden, was ein Killerspiel ist. Gewalt verherrlichend? Das sind Tom & Jerry auch, oder Mickey und Goofy oder meinetwegen Fix und Foxi. Oder muss erst echtes Blut fließen? Dann wird es Zeit die Nachrichten zu zensieren. Allerdings nimmt das die Handhabe gegen Computerspiele, da das Blut in den seltesten Fällen echt ist. Und was ist mit Spielen, wie CSI oder Still Life, Spielen also, in welchen der Spieler in die Rolle von Kriminalermittlern schlüpft, mit recht eindeutigen Darstellungen Toter, was aber für das Spiel unabdingbar ist (USK 14 und USK 16)?

Oder muss es sich um einen Kampf handeln? Was ist dann mit Neverwinter Nights, dort finden Kämpfe reihenweise statt, gegen Untote, Orks, Menschen, Elben und so weiter, oder Elder Scrolls IV - Oblivion, auch dort wird gekämpft, recht blutfrei - einstellbar -, aber Kämpfe sind doch Gewalt und die Endkonsequenz des Kampfes ist der Tod, was es ja zu einem Killerspiel machen könnte.
Oder muss es eine taktische Simulation sein, sagen wir CounterStrike? Denn dort geht es nicht ausschließlich um das Umlegen von Terroristen (oder Polizisten, wenn man die andere Seite spielt), sondern vor allem darum zu gewinnen, sprich, die Gegner zu neutralisieren und das Ziel gemeinschaftlich, evtl. auch unter Selbstopferung zu erreichen. Übrigens von taktischen Polizeieinheiten abgeschaut. Selbst Die Sims 2, ein sehr beliebtes, als Familiensimulation bezeichnetes Spiel, bietet Gewaltmöglichkeiten, so kann man bewusst das Ableben unliebsamer Charaktere organisieren.

Nun, was ist "Gewalt verherrlichend"?
Das Schlüpfen in die deutsche Uniform des zweiten Weltkriegs im Rahmen einer gigantischen Nachstellung einer Schlacht? Das Befreien von Geiseln, entschärfen von Bomben? Oder das Bewachen der Geiseln, wobei diesen keinerlei Leid angetan werden darf, da dies zu Punktabzug bzw. auch zur Entfernung vom Server führen kann? Der Krieg im Weltraum, einer Fiktion des Herren Lukas folgend, oder ist Gewalt um der Gewalt Willen verherrlichend? Denn dann, Herr Hähle, hätten Sie ein Problem, denn die wenigsten Spiele beinhalten Gewalt nur um der Gewalt Willen. Nicht einmal die in Deutschland indizierten Titel Doom und Quake. Auch da steckt ein tieferer Sinn dahinter. Leider sieht man oft nur das, was man sehen will. Einen blindwütig mit der Maus (oder Trackball) rudernden, die Tastatur massakrierenden Jugendlichen, der ein kleines Kreuz über Köpfe bewegt, die dann, je nach Spiel, zerplatzen oder das "Opfer" aus Bits und Bytes nach hinten umkippen lassen. Ja, vielleicht sind 12, 14, 16 Jährige durchaus in der Lage zu unterscheiden, was ein Trickfilm ist und was Realität, denn nichts anderes ist ein Computerspiel, ein interaktiver Trickfilm.

30.3.07 14:23

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